Die Brauch– und Trinkwasserversorgung in der Dorfschaft Höfingen



Nach der amtlichen Dorfbeschreibung, erschienen 1782, befanden sich in der Dorfschaft Hoevingen zwei gemauerte Brunnen, und zwar auf den Hofstellen Beisner, Nr. 7. und Wellhausen, Nr. 12. Diese geringe Zahl gegrabener und gemauerter Brunnen muss heute auffallen. Es ist aber zu bedenken, dass die fast talkesselförmigen Gelände und Bodenverhältnisse durch die Bäche und zahlreichen Gräben und Quellen an den Hängen und in den Senken keinen Wassermangel aufkommen ließen, zumal der Wasserbedarf auf den Hofstellen erst stärker zunahm, als nach der Verkoppelung in der Viehzucht an der Stelle der Hutewirtschaft die Stallfütterung getreten war.

Das Wasser konnte zudem auch ohne Bedenken auch als Trink– und Kochwasser genutzt werden, denn die Sorgen der Verschmutzung der Bachläufe und Quellen, die uns heute bewegen, kannte man damals noch nicht. Das war allgemein so. Auch zum Bierbrauen wurde sogar in den Städten das Wasser den Bächen und kleinen Flüssen entnommen. Wir erinnern z.B. an die heute noch bekannten Worte des Ausrufers in der Stadt Goslar: 'Hiermit wird bekannt gemaket, dat niemand in dä Gosse kacket, morgen wird gebraut!'

Mit der Schanne, einem Schultertragegerät aus Holz, wurde das aus dem Bache in Eimern geschöpfte Wasser in die Küchen und Stallungen der Hofstätten getragen. Im Ortsteil Texas sprudelt heute noch an der Stelle zwischen den Hausstellen Nr. 25 und 46 eine Quelle, die auch im Sommer nicht versiegt. Sieben Familien versorgten sich einst daraus mit Trink- und Kochwasser. Für die Wäsche und andere Zwecke wurde das Wasser dem Pötzer Bache entnommen oder die Wäsche sogar am Bache mit Kernseife gewaschen. Es sind keine Unterlagen vorhanden oder Aussagen bekannt, aus denen hervorgeht, wann die vor 1782 mit Bruchsteinen gemauerten Brunnen auf den Höfen und Wohnungsgrundstücken gebaut wurden. Es ist anzunehmen, dass jeder Hausbesitzer in der Zeit um 1800 seinen eigenen Brunnen , auch 'Borm' genannt, grub, oft in gemeinsamer Arbeit mit Nachbarn, und ihnen unter Anleitung eines Brunnenbauers mit Bruchsteinen ausmauerte. Als Grund ist wohl das Bestreben anzusehen, sich unabhängig von wetterbedingten Zufälligkeiten zu machen, und stets einwandfreies Trinkwasser zur Verfügung zu haben.

Eine Brunnenrevision wurde vom kurfürstlichen Kreisamt in Rinteln unter dem 7. November 43 angekündigt. Die Revision bezog sich auf die Überprüfung der Brunnenbedeckungen. Die Hofstelle Nr. 21 ist wohl in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts gegründet worden. Die Mutter des Chronisten Friedrich Schulte war im Jahre 1857 geboren. Sie hatte den Brunnen mit den stark bemoosten Bruchsteinen von Kindheit an in Erinnerung wie auch ihre Mutter, geborene Lange. Es besteht auch daher wohl die berechtigte Annahme, dass der Brunnen auch bei der Gründung der Hofstelle, bzw. bei der Errichtung des Niedersächsischen Bauernhauses gebaut wurde. Das dürfte auch für andere Hofstellen zutreffen.

Über der Brunnenöffnung befand sich meist ein vom Zimmermann angefertigtes Brunnenhäuschen in der Größe von etwa 1,5 * 1,5 m und einer Firsthöhe von 1,75 m. Bei Brunnen von geringer Tiefe und einem hohem Wasserstande schöpfte man das Wasser mit Hilfe einer Stange, bei der ein Eimer zum Schöpfen in eine Eisenspirale an der Stange gehängt wurde. Aus tiefen Brunnen zog man das Wasser mit einer Kettenwinde hoch. Die Brunnen auf den höher gelegenen Grundstücken waren etwa 7 bis 10 Meter tief. In der Dorfniederung stieß man in etwa 3 bis 4 m Tiefe schon auf ergiebige Wasseradern.

Im Ortsteil Texas war der erste Brunnen auf dem Grundstück Nr. 42 um 1880 gebaut worden. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte jede Hausstelle in Texas ihren eigenen Brunnen. Nach 1900 wurden zum Brunnenbau überwiegend Brunnenringe aus Beton verwandt. Eine besondere Bewandtnis hatte es mit dem Brunnen auf dem Grundstück Nr. 30 der Eheleute Karl und Linda Meier. Ehefrau Caroline, geborene Mengerßen, geb. am 2.1.1876, versah das Amt der Hebamme in Höfingen und umliegenden Ortschaften. Sie war bei alt und jung sehr beliebt und so ging unter den Kindern im Dorfe bald die Mär um: 'Meiers Tante bringt die kleinen Kinder, die vorher in ihrem Brunnen zur Welt gekommen sind.' Wohl manches Kind im vorschulpflichtigen Alter hat sich zu Meiers Tante in Texas auf den Weg gemacht, um ein Brüderchen oder ein Schwesterchen zu bestellen und einmal in den Brunnen zu schauen. Auch der Schreiber dieser Zeilen kann sich erinnern, dass er im Alter von 4 bis 5 Jahren aus diesem Grund Meiers Tante besuchte.

Das Wasserschöpfen mit Hilfe einer Stange oder einer Kettenwinde war beschwerlich und zeitraubend. So ging man um die Jahrhundertwende bald dazu über, eine Saugpumpe, auch Zucke oder auch Schwengelpumpe genannt, direkt am Brunnen anzubringen. Das war zwar eine Erleichterung, aber auch noch umständlich und bei Frost und regnerischem Wetter sogar gefährlich. Außerdem war es nötig, die Pumpe im Winter gegen Frost zu schützen. Man umwickelte sie mit Säcken und alten Kleidungsstücken und umstellte das Ganze noch mit Strohbunden. Trotzdem musste bei strengen Wintern und anhaltender Kälte morgens die Pumpe oft mit heißem Wasser aufgetaut werden. Es kam auch vor, dass ein Rohr platzte. Nach diesen Erfahrungen verlängerte man das Saugrohr an der Waage und stellte die Pumpe in der Küche auf. So war man vor Wind und Wetter und auch vor Frost geschützt. Bald schloss man zur Viehversorgung im Stall noch eine zweite Pumpe an; denn hier wurde ja das meiste Wasser benötigt.

Dieser Entwicklungsstand der Wasserversorgung hatte mancherlei Vorteile und Erleichterungen gebracht. Es war aber sicher keine leichte Arbeit, den Pumpenschwengel täglich mehrere hundert Male auf und ab zu bewegen. So schaute man weiter nach technischen Hilfen aus. Die Elektrizität bot diese Hilfe an, als in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts elektrischer Strom auf den Höfen zur Verfügung stand. Es wurde eine Hauswasserleitung angelegt und ein kleiner Druckmotor betätigte eine Saug- und Druckpumpe, die das Brunnenwasser in einen Beuler drückte, von dem es über die Rohrleitungen an den Zapfstellen entnommen werden konnte.

Diese Wasserversorgungsanlagen waren für die bäuerliche Wirtschaft ein großer Fortschritt. Sie brachten nicht nur Erleichterung in der Viehversorgung, sondern ersetzten menschliche Arbeitsleistung durch Maschinenkraft.

Für Haushalte ohne größeren Viehbestand lohnten sich derartige Anlagen nicht. Bei ihnen verblieb es bei der direkten Versorgung durch die Saug– oder Schwengelpumpe. Das war der Entwicklungsstand und die Situation um 1930. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation ganz erheblich. Einmal stieg der Wasserbedarf infolge der Bevölkerungszunahme durch die Aufnahme der Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, was oft mehr als zur Verdopplung der Einwohnerzahlen in den Dörfern führte. Die Einwohnerzahl der Gemeinde Höfingen stieg von 257 Einwohnern im Jahre 1939 auf 525 im Jahre 1950. Die Zahl 525 setzte sich zusammen aus 230 Einheimischen und 295 Zugewiesenen.

Dazu führten die steigenden hygienischen Bedürfnisse und Ansprüche in den Haushalten zum erhöhten Wasserverbrauch, wie auch die Vergrößerung des Viehbestandes in den bäuerlichen Betrieben zur Erhöhung des Wasserbedarfs beitrug. Demgegenüber ging der vorhandene Wasserhaushalt in der Natur als Folge der vermehrten Bach- und Grabenregulierungen und der Verbesserung der Bodenstrukturen durch Drainagen und des schnelleren Ablaufs der Niederschläge immer mehr zurück.

Es kamen auch Dürrejahre. Der Grundwasserstand sank, und höher gelegene Wohngrundstücke litten unter Wassermangel. In vielen Gemeinden nahm diese Entwicklung bedrohliche Formen an. So litt z. B. die Gemeinde Weibeck sehr unter Wassermangel. Dem wurde durch die Gründung des Wasserbeschaffungsverhandes „Springbrunnen“ in Jahre 1954 abgeholfen. Viele Gemeinden griffen zur Selbsthilfe, indem sie eine eigene Wasserversorgung anlegten. Die Regierung sah dieser Entwicklung nicht tatenlos zu und regte ihrerseits die Gründung von Wasserbeschaffungsverbänden an und leistete auch Zuschüsse zu den Anlagen. So kam es im Jahre 1962 zur Gründung des Wasserbeschaffungsverbandes 'Süntelwald'. Oberhalb des Dorfes Haddessen, im Falltal, wurden drei Brunnen in Betrieb genommen. Der Brunnen I ist 43m, Brunnen II 68m und Brunnen III 74m tief. Die Pumpen der Brunnen werden in einem Maschinenhaus gesteuert und fördern das Wasser in einen 200 Kubikmeter fassenden Behälter, der oberhalb der Brunnen in 217m Höhe angebracht ist. Von hier läuft das Wasser in freiem Gefälle durch die Rohrleistungen in die Wasserleitungen der Dörfer Haddessen und Höfingen und beliefert die Einwohner mit hygienisch einwandfreiem Wasser.







Die Gemeinde Pötzen schloss sich dem Verband gleich an, da ihre eigene Versorgung aus der Honigquelle, 1959 gebaut, besonders in den Sommermonaten nicht ausreichte. Die Gemeinde Pötzen wird seit 1962 über ihren Wasserbehälter, der in 199m Höhe liegt und ein Fassungsvermögen von 100 Kubikmetern hat, durch den Wasserbeschaffungsverband 'Süntelwald' versorgt.

Weiter fließt das Süntelwasser in freiem Gefälle in die Wasserleitungen der angeschlossenen Gemeinden Unsen und in den Flegesser Wasserbehälter, der ein Fassungsvermögen von 350 m³ hat. Von diesem Behälter werden die Gemeinden Flegessen, Hasperde und Klein Süntel versorgt. Da die Gemeinde Klein Süntel aber höher liegt und schon eine eigene Wasserversorgung über einen Behälter von 50 m³ hatte, musste oberhalb Flegessen eine Druckerhöhungspumpe eingebaut werden. Im Jahre 1961 schloss sich auch die Gemeinde Welliehausen dem Verbande an. Aber durch die Höhenlage der Gemeinde war es nicht möglich, das Wasser vom Wasserbehälter 'Falltal' im freien Gefälle nach Welliehausen zu liefern. So wurde oberhalb von Welliehausen ein Behälter von 200 m³ Fassungsvermögen gebaut. Dieser Behälter wird vom Pötzer Wasserbehälter durch eine Druckerhöhungspumpe beliefert. Auch die Gemeinde Holtensen, die selbst eine eigene Wasserversorgung hatte, welche aber nicht ausreichte, bezieht von hier aus zusätzlich Wasser über eine Wasseruhr.

Zur Sicherung des noch steigenden Bedarfs wurde in Jahre 1978 als Vorsorge ein vierter Brunnen in Unsen oberhalb der alten Badeanstalt angelegt. Dabei kam es zwischen dem Verbandsvorsteher Wilhelm Beißner, Höfingen, und den hinzugezogenen sachverständigen Geologen zu bemerkenswerten Meinungsverschiedenheiten. Wilhelm Beißner setzte aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse als Wünschelrutengänger gegen die Auffassung der Geologen eine Probebohrung an der Stelle durch, wo der Brunnen noch heute stündlich 40 m³ fördert. Die Fördermenge bestätigte die Richtigkeit seiner Auffassung. Diese Tatsache konnte keine bessere Würdigung finden, als diesen Brunnen nach dem Verbandsvorsteher Wilhelm Beißner zu benennen. So führt der vierte Brunnen des Wasserbeschaffungsverbandes 'Süntelwald' den Namen 'Wilhelm Beißner Brunnen'. Wir möchten dazu bemerken, dass Wilhelm Beisner seit der Gründung des Vereins im Jahre 1962 bis Ende 1986 an seiner Spitze stand. Die Bedeutung des Wasserbeschaffungsverbandes 'Süntelwald' wird klar, wenn man bedenkt, dass er folgende Gemeinden mit Wasser versorgt: Haddessen, Höfingen, Pötzen, Unsen, Flegessen, Hasperde, Klein Süntel, Welliehausen und Holtensen.