Kampf um Höfingen - Teil II



Meine Erinnerungen an den Kampf um Höfingen, am 7. und 8. April 1945

von Gertrud Schaper

Es war Anfang April 1945. Der Krieg kam näher, die Amerikaner waren schon in Hameln. Plötzlich geschah es, Jagdbomber kreisten über Höfingen und schossen die Häuser von Heinz Bußmeier (heute Blum) und H. Stummeier (heute H. Thiel) in Brand. Die Höfinger Feuerwehr, die damals, in Ermangelung von Männern, fast nur aus Frauen bestand, konnte den Brand löschen und es brannten nur die Dächer ab.

Dann kam der 7. April, mein Vater kam mittags aufgeregt ins Haus und sagte, für Höfingen würde das Schlimmste befürchtet. Ein deutscher Offizier sollte mit einer Kampftruppe Höfingen gegen die Amerikaner verteidigen. Mein Vater wollte, dass wir Kinder und die Frauen nach Barksen zu unseren Verwandten fuhren. Er selbst wollte in Höfingen bleiben.

Wir packten in aller Eile Sachen zusammen. Meine Mutter, meine drei jüngeren Schwestern eine Verwandte aus Osnabrück, die mit ihren zwei kleinen Kindern bei uns wohnte und noch einige Personen bestiegen den mit zwei Pferden bespannten Erntewagen und fuhren nach Barksen. Dort wurden wir alle aufgenommen.

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf. Ich ging nach Draußen. Es war der 8. April, mein 15. Geburtstag.Es ist 70 Jahre her, aber ich kann mich noch gut erinnern. Ich stand da und hörte das Schießen. Ich schaute Richtung Höfingen und sah die aufsteigenden Rauchsäulen, Höfingen brannte. Ich hatte Angst, Angst um das was in Höfingen geschah und Angst um meinen Vater.

Irgendwann im Laufe des Vormittags wurde es still. Der Beschuss hatte aufgehört, aber die Angst blieb, was war alles passiert? Wir wartete ab ob die Schießerei noch mal anfangen würde, aber es blieb still. Gegen Abend fuhren wir nach Haus, als wir in Höfingen ankamen wurde es schon dunkel, es sah alles fürchterlich aus.

Die Fachwerkhäuser von H. Diekmann und F. Werner waren total vernichtet, die Fachwerkscheune von Heinrich Schaper und der Viehstall von Heinrich Roßkam waren ebenfalls total abgebrannt. Viele Gebäude hatten einen Dachstuhlbrand erlitten. Die Scheune von Friedel Bartling brannte noch. Das Dach unseres Wohnhauses war abgebrannt, das Haus war aber bewohnbar.

Wie mein Vater dann erzählte, konnte er den Brand löschen, mit Hilfe zweier polnischer Fremdarbeiter, die sich in unserer Scheune versteckt hatten. Als ich am nächsten Tag durch Höfingen ging, sah ich was alles passiert war. Kein Bauernhof auf dem es nicht gebrannt hatte und nur wenige Wohnhäuser die verschont geblieben waren.

Erinnerungen an 1945

von Horst Boose

Höfingen, April 1945
Mittwoch, der 4. April, es war ein sonniger Frühlingstag. Am frühen Nachmittag kamen über die westliche Ortseinfahrt drei deutsche Militärfahrzeuge, ein Panzer ohne Kanone (Wanne), ein Halbkettenfahrzeug und ein Königstiger. Der kleine Panzer blieb an Bartlings Mauer liegen. Warum? Die beiden übrigen fuhren weiter bis Boose. Der Königstiger versteckte sich unter Langes Stallvorbau und das Teilkettenfahrzeug versteckte sich unter Booses großem Kastanienbaum. So konnten sie von den Jagdbombern (Jabos) nicht gesichtet werden.

Am nächsten Morgen fuhren sie weiter. Das Halbkettenfahrzeug blieb in Texas vor dem Haus von Heinrich Werner liegen. Warum? Der Königstiger fuhr weiter bis Pötzen, blieb aber dort in der ersten Linkskurve ebenfalls liegen.

Am Donnerstag, dem 5. April wurden die Fahrzeuge von Jabos entdeckt und beschossen, wobei auch die Häuser Bussemeier, Stummeier, Fr. Henze und zwei Häuser in Pötzen in Brand geschossen wurden. Die nachfolgende Löschaktion war der erste Einsatz der "Höfinger Frauenfeuerwehr".

Am Samstag dem 7. April - es war ein sonniger Frühlingstag - wurden um die Mittagszeit 36 Fahnenjunker auf Booses Hof gebracht. Wegen des schönen Wetters machten es sich die Soldaten bequem, bis ein Kradmelder (mit dem typischen langen, grünen Gummimantel) kam. Er übergab dem Leutnant ein Dokument mit dem Befehl zum Aufbruch. Nach kurzer Zeit war der Aufbruch vollzogen und die Soldaten zogen dorfeinwärts weiter. Wie ich später erfuhr ging es zum Bürgermeister Sempf. Dort haben sie die ins Dorf fahrenden Amerikaner gesehen und beschossen. Ein Fahrzeug blieb defekt liegen, die anderen zogen sich Richtung Pötzen zurück. Wir Booses hatten nur das Schießen gehört und hatten uns in unseren Keller zurück gezogen, bis ein Soldat kam und sagte "Morgen gibt es hier einen heißen Tanz. Wenn ihr könnt verlasst Höfingen." Wir Booses, Frau Kamberger und ihre zwei Kinder (evakuierte aus Hildesheim) und Verwandte aus Hameln haben uns auf den Weg zu meinen Großeltern nach Wickbolsen gemacht.

Leider trug sich am Montag noch ein schwerer Unfall zu. Spielende Kinder fanden bei dem zerstörten Wanne-Panzer an Bartlings Mauer eine Eierhandgranate. Beim Spielen mit der Handgranate muss versehentlich der Zünder gezogen worden sein. Ein Versuch die Granate über die Mauer zu werfen scheiterte, sodass die Granate diesseits der Mauer explodierte. Die Folgen der Explosion waren schrecklich.

Walter Sempf, der dicht neben der Granate stand, wurde an den Beinen getroffen. Peter Mahlmann stand in der Haustür des Hauses Wellner. Kunibert Lünnemann, der seinen Freund Peter besuchen wollte, befand sich noch auf der Straße. Beide wurden schwer verletzt und starben. Ilse Hachmeister stand auf der Straße (Abzweig "Auf den Ackers"). Sie wurde im Rücken getroffen. Ich stand auf der Straße vor unserem Hof.

Gewundert und natürlich gefreut hat mich, dass in DER Zeit in relativ kurzer Zeit ein Auto (ein Lieferwagen) mit einer Rot-Kreuz-Fahne aus dem Fenster hängend kam und die Verletzten ins Krankenhaus gebracht hat.

Sonntag, der 8. April. Am frühen Morgen griffen die Amerikaner mit Panzern Höfingen von drei Seiten an. Viele Einwohner hatten das Dorf verlassen. Es wurden zahlreiche Gebäude in Brand geschossen und es gab Verwundete und Tote.

Nach meiner Recherche leben jetzt 70 Jahre danach, noch 16 (?) Höfinger. Wie viele Evakuierte DIE Tage in Höfingen miterlebt haben weiß ich nicht.
Höfingen, April 2015 Horst Boose

Erinnerungen an den Tag, als der Krieg über Höfingen hinweg rollte.

von Walter Zeller

Es war ein sonniger Nachmittag, als es im östlichen Bereich von Höfingen plötzlich laut krachte. das war wohl der Abschuss des Jeeps, der noch lange unten in der Kurve stand, wo es heute zum Friedhof abgeht. Als ich aus dem Haus kam, stand neben unserem Haus ein Soldat mit einer Panzerfaust und rief 'Schnell ins Haus'! Danach wurde es wieder ruhig. Die Erwachsenen hatten aber eine Mitteilung erhalten das Dorf zu räumen, da die Soldaten es verteidigen wollten. [Horst Boose: Bartlings  sind mit einem Pferdegespann , bepackt mit dem 'Notwendigsten', u.a.  Bettzeug zu Onkel  Hermann nach Barksen geflüchtet. Frieda und Friedchen Kohlwig und Walter Zeller sind mit dem Wagen mitgefahren bis Wickbolsen . Wir Booses und Frau Kamberger mit zwei Kindern und Verwandtschaft Ricke aus Hameln haben uns zu Fuß auf den Weg zu meinen Großeltern Stummeier  nach Wickbolsen gemacht. In der 'Alber' wurden wir von den Gespann Bartling überholt.] Nach meinen Erinnerungen wurde der in der Karte gezeichnet Weg eingeschlagen.

In dem Hohlweg sahen wir über unseren Köpfen Leuchtspurgeschosse fliegen. Ich meine mich zu erinnern, dass Wickbolsen angesteuert wurde. Bei einem Bauern haben wir alle in einer Scheune auf Heu oder Stroh übernachtet. Nachts hörten wir den Beschuss von Höfingen. Am Morgen ging es zu Fuß wieder zurück. Als wir Höfingen erblickten, etwa dort, wo der sich der rote Kreis befindet, sahen wir, dass Kohlwigs Haus brannte. Tante Frida und Friedchen rannten voraus. Als wir alle ankamen, war das Feuer schon gelöscht, aber das Haus war unbewohnbar. Im näheren Umkreis lagen einige gefallene Soldaten. In der folgenden Nacht habe ich in Boosen Haus geschlafen. Ich erinnere mich noch, dass ich bei dem Blick aus dem Fenster auf die Straße und Kohlwigs Haus schaute. In einem Blumentopf auf der Fensterbank lag ein Gewehrgeschoss.

In den folgenden Tagen und haben wir alle in der Scheune von Kohlwig gelebt und geschlafen. Der Krieg war vorüber und die Aufräumarbeiten begannen. Leider habe ich die Wiederherstellung des Hauses nicht mehr erlebt. Im Spätherbst 1945 hat meine Mutter mich nach Münster geholt.

An der Mauer gegenüber dem Haus Sempf stand ein defekter Panzer und ich meine, auch noch ein defekter PKW. In dem Panzer sind wir herumgeklettert .

An die Fahnenjunker kann ich mich nicht erinnern. Aber an den Beschuss des defekten Panzers durch die Jabos schon. Da waren wir bei Kohlwig schnell in den Keller geflüchtet. Es hat aber nicht lange gedauert. An der Heerstraße Richtung HO  war auf der linken Seite der Dachstuhl eines Hause in Brand geraten. Die Namen weiß ich nicht mehr.

Am Samstag hat es plötzlich in östlicher Richtung geknallt. Das war wohl der Abschuss des Fahrzeugs in der Kurve gegenüber dem Hof, auf dem jetzt die Pilzzucht erfolgt. Als ich aus dem Haus schaute, stand ein Soldat mit einer Panzerfaust oben neben unserem Hauseingang und sagte, oben habe ich eben einen Panzer erledigt. Wenn der nächste hier ankommt, wird er auch erledigt. Das wäre dann genau vor Eurem Haus gewesen.  Der Soldat hat sich dann aber weiter bewegt,  was mich sehr beruhigte. Am Abend erfolgte der Treck nach Wickbolsen.

Weiter erinnere ich mich noch, das ich ein paar Tage später von Kohlwigs zu einer Wiese neben dem Hof (heute Pilzzucht) geschickt wurde, weil dort eine Kuh notgeschlachtet worden ist, die bei dem Beschuß verwundet wurde. Das Fleisch wurde dort verteilt. Als ich in der Schlange stand, gab es im Dorf in Richtung HO eine Detonation. Alle schauten sich an und meinten, der Krieg ist doch über Höfingen hinausgegangen. Dies war das Unglück mit der Handgranate, die Du beschrieben hast. Ich denke so oft an diese Begebenheit. Hätten mich die lieben Kohlwigs nicht zu der Wiese geschickt, wäre ich wahrscheinlich auch bei dem Panzer gewesen. Nachdem Walter Sempf aus dem Hamelner Krankenhaus wieder in H. war, haben wir ihn oft besucht.

Als wir noch die Schule in Höfingen besuchten, musste ein Schüler immer auf dem Schulhof stehen, um die Alarmsirenen aus Hameln zu hören. Als ich einmal dort stand, flog ein Jabo so tief über unseren Schulhof, dass ich den Piloten deutlich erkennen konnte. Später besuchten wir noch die Schule in Pötzen.

Das sind meine Erinnerungen an die Zeit, als der Krieg über Höfingen zog.

Dewezet 1995: Höfingen Große Resonanz fand eine Veranstaltung des Heimatvereins Höfingen mit dem Thema 'Vor 50 Jahren: Kampf um Höfingen.' Im Saal der Gaststätte Spilker mussten zusätzliche Tische aufgestellt werden, um allen Interessierten Platz bieten zu können, die sich von Augenzeugen über das Geschehen zum Ende des Kriegesinformieren lassen wollten.

Paul Quest, Vorsitzender des Heimatvereins, gab zunächst einen Überblick zur militärischen Situation im norddeutschen Raum während der Wochen zwischen Ende März und Mitte April vor 50 Jahren. Dann schilderten Anna Dierke, Hanna Mackensen, Friedel Käse, Heinrich Severith, Heinz Waltemathe und Konrad Diekmann, Mit-Autor der Höfinger Ortschronik, den Zuhörern, wie sie die Tage vom 5. bis 10. April 1945 erlebt haben. Sie verstanden es dabei, das Geschehen sehr anschaulich nahezubringen.

In Höfingen war am Sonnabend, dem 7. April 1945, ein amerikanischer Spähtrupp, der sich zuvor ohne Gegenwehr von Hameln über Holtensen und Pötzen angenähert hatte, von noch kampfeswilligen deutschen Soldaten angegriffen worden. Nur wenige Amerikaner entkamen, einige fielen und andere wurden gefangengenommen. Diese Schlappe wetzten die amerikanischen Soldaten am folgenden Sonntagmorgen wieder aus. Eine Einheit mit Sherman-Panzern beschoss das Dorf, in dem sich immer noch deutsche Verteidiger befanden, etwa 4 Stunden lang mit Panzerkanonen.

Bei diesem Angriff wurden etwa 30 Gebäude in der Ortslage ganz zerstört oder schwer beschädigt. Opfer unter der Bevölkerung gab es an diesem Tage nicht, weil man nach dem Feuerüberfall vom Vortag mit einem Vergeltungsschlag gerechnet und sich in die Nachbardörfer oder in den Finnenberg-Wald zurückgezogen hatte. Am nächsten Tage gab es auch Tote in der Zivilbevölkerung, allerdings nicht durch Kampfeinwirkungen. Spielende Kinder hatten eine Eierhandgranate gefunden und gezündet. Zwei Jungen starben, mehrere andere Kinder wurden von Splittern verletzt.

Die Zuhörer, von denen einige auch eigene Erlebnisse schilderten, waren besonders davon beeindruckt, dass ihnen der Ort des schrecklichen Geschehens, bei dem auch mehrere deutsche und amerikanische Soldaten gefallen sind, genauestens bekannt ist. Den berichterstattenden Zeitzeugen war anzumerken, dass ihnen die Erinnerung an diese Zeit noch sehr lebendig ist. Als positive Erfahrung aus dieser Zeit konnten sie aber auch berichten, dass ihnen aus den Nachbardörfern, die nicht so unter dem Krieg gelitten hatten, in der Folgezeit viel Hilfe zuteil geworden ist, so dass auch diese schlimmen Zeiten gemeistert werden konnten.

Paul Quest fasste abschließend die Eindrücke zusammen und mahnte, dass solche Geschehen wie in jenen Tagen nicht vergessen werden dürfen. Was in diesem kleinen Dorf in jenen Tagen passierte, ist anderswo tausendfach und öfter ähnlich oder schlimmer geschehen und darf sich nicht wiederholen. Viele Zuhörer blieben auch nach Schluss noch in Gespräche vertieft, bei denen unter dem Eindruck des gerade Gehörten, weitere Erinnerungen zum Vorschein kamen.