Höfingen - Texas
Zur Geschichte eines historischen Ortsnamens

von Konrad Diekmann



Oft wurde ich gefragt, woher der Name TEXAS der Siedlung an der Straße nach Pötzen kommt, und meine Antwort lautete: 'Ich glaube, daß das mit zwei Höfinger Bürgern zusammenhängt, die nach Texas in Amerika auswanderten; schriftliche Beweise liegen dafür aber nicht vor.'

Viel Literatur bietet sich für den Versuch, Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen, an. Mögen die entdeckten Angaben Einblick in die Auswanderungszeit verschaffen und zur Erkenntnis der Namensbildung TEXAS beitragen.

Hin nach Texas, hin nach Texas,
Wo der Stern im blauen Felde eine neue Welt verkündet.
Jedes Herz für Recht und Freiheit und für Wahrheit froh entzündet.
Dahin sehnt mein Herz sich ganz.

Die Auswanderungen aus Deutschland nach Amerika setzten sich nach den Befreiungskriegen(1806/13) verstärkt fort. Einwanderungsländer waren hauptsächlich die USA und Brasilien. Texas war seit dem 16. Jahrhundert spanischer Besitz und wurde 1821 mexikanisch.

Zu dieser Zeit öffnete sich die Provinz für Einwanderungen. Sie war ursprünglich spärlich besiedelt und zählte um 1800 etwa 7000 Einwohner. Im Jahre 1836 war die Bevölkerung auf 52000 und im Jahre 1850 auf 213000 Personen angewachsen.

1832 verzeichnete man eine deutsche Siedlung am Mill Creek. Der Gründer berichtete in die Heimat:

'Hier fließt Milch und Honig, das Klima in Texas gleicht dem Mittelitaliens, und man braucht nur drei Monate im Jahr zu arbeiten.'


Es ist verständlich, daß eine solche Beschreibung nicht ohne Wirkung bleiben konnte und den organisierenden Auswanderungsgesellschaften zugute kam, zum Beispiel der Gießener, gegründet 1833.

Nachdem Texas 1836 sich von Mexiko getrennt hatte, brauchte die Provinz dringend Einwanderer, um sich gegen Mexiko zu behaupten. Günstige Aufnahmebedingungen, verlockende Angebote und erleichterte Entlassungsbedingungen aus dem Untertanen-Verband in der Heimat ließen die Auswanderungskurve schnell steigen. Es entstanden in Texas deutsche Dörfer und die Städte Neu-Braunfels und Frederecksburg. Die Bevölkerung nahm rasch zu, nachdem Texas 1845 sich (als 28. Staat) der USA angeschlossen hatte.

Der Mainzer Adelsverein, gegründet 1842 (Texasverein, dem auch Prinz Friedrich von Preußen angehörte), hatte durch Agenten, durch eine bezahlte Presse und durch eine eigene Schrift in allen Teilen Deutschlands für das Unternehmen geworben. Ledige hatten 300 Taler, Familien bis zu sechs Personen 600 Taler aufzubringen.

Dafür wurden Ledigen 40 Hektar und Familien 80 Hektar Land zu einem niedrigen Preis zugesagt. Außerdem versprach der Verein nicht nur freie Überfahrt, Landtransport, ein einfaches Wohnhaus (Blockhaus), Gerätschaften, Vieh und Lebensmittel, sondern auch die Errichtung von Kirchen, Schulen, Krankenhäusern, Apotheken, Erbauung der nötigen Verkehrsstraßen sowie alle Fürsorge.

Die Auswanderer sollten sich ihrerseits verpflichten, innerhalb von drei Jahren ein Drittel ihres Landes urbar zu machen, zu bebauen und ihr Haus dauernd zu bewohnen.

So hatte der Verein starken Zulauf. Die Versprechungen des Adelsvereins wurden allerdings nicht eingehalten, und mancher Einwanderer war bei der Ankunft in Texas bitter enttäuscht und sich selbst überlassen.

Die rasche Bevölkerungszunahme in Deutschland brachte bei der Wahl eines handwerklichen oder sonstigen Berufes für die Zukunft der nichterbenden Bauernsöhne und Handwerkerkinder drückende Existenzsorgen. Deshalb strebten viele aus der Enge der Heimat hinaus und entschlossen sich zur Auswanderung nach Amerika.

In manchen Teilen Deutschlands wanderten halbe Dörfer aus. "Hin nach Texas, dahin mein Herz sich sehnt", schrieb Hoffmann von Fallersleben. Texas war das Tagesgespräch in den Wirtshäusern; für eine Handvoll Taler sein eigener Herr sein und genausoviel Land wie der Baron besitzen, wer würde da nicht mitmachen ?

Texas hatte genau das, was die deutschen Bauern und Handwerker brauchten: Land in rauhen Mengen. Umgekehrt hatten die Deutschen gerade das, was in Texas fehlte, Hände zur Arbeit, Beständigkeit und praktisches Talent."Auf nach Texas" hieß es überall.

In der Zeit von 1835 bis 1859 verließen 1208 Schaumburger die Heimat. Von 2.537 Auswanderern aus Nassau nach Übersee (1843-1845) gingen 1.707 Personen nach Texas. Im Jahre 1860 zählte Texas 604.215 Einwohner, immerhin 20.853, die in Deutschland geboren waren. 1850 befanden sich im Küstenort Galveston sieben Konsulate deutscher Einzelstaaten.

Nach mündlicher Überlieferung wanderte um 1835 Johann Sempf, geboren 1804, Höfingen Nr. 6 (Severith), nach Texas in Amerika aus. Sein Bruder Philipp, geboren 1801, Tischler, baute sich nach seiner elfjährigen Militärdienstzeit an der Straße nach Pötzen, 400 Meter von Höfingen entfernt, in Eigenleistung ein Haus, das erste an dieser Stelle (jetzt Texas Nr. 12).

Christian Sempf, geboren 1807, folgte seinem Bruder Philipp und gründete neben ihm 1851 auch eine Hausstelle (jetzt Texas Nr. 14).

Der andere Auswanderer mit dem Ziel Texas war Ferdinand Mengerßen, geboren 1821, Höfingen Nr. 2 (Roßkam). Er hatte die Heimat Mitte der 40er Jahre verlassen, war aber, wie später bekannt wurde, im Staat Illinois seßhaft geworden. Ein Totenschein, welcher 1888 wegen einer Erbschaft beim Amtsgericht Oldendorf einging, bestätigte es. Heinrich Mengerßen, geboren 1825, verließ um 1852 infolge häuslicher Enge sein Geburtshaus Nr. 2 und machte sich in der Nähe von Christian Sempf seßhaft, wo er ein in Herkendorf auseinandergenommenes Fachwerkhaus wieder aufbauen ließ (jetzt Texas Nr. 24).

Als vierter siedelte sich Karl Dettmering Anfang der 50er Jahre zwischen Heinrich Mengerßen und Christian Sempf an. Seine Mutter stammte aus der Familie Sempf Nr. 6. Diese Vier-Familien-Siedlung wurde im Jahre 1856 im Kirchenbuch in Fischbeck als Texas zum erstenmal amtlich erwähnt, und zwar ist dort eingetragen:"In der Familie Karl Detmmering, an der Straße "im sogenannten Texas" ist eine Tochter gestorben".Weitere Eintragungen mit der Bezeichnung "im sogenannten Texas" findet man noch dreimal bis 1866.

Nach mündlicher Überlieferung ist um 1912 aus Amerika bekannte geworden, daß der Sohn des Einwanderers Johann Sempf verstorben sei und ein Vermögen von 40 Millionen Mark hinterlassen habe (große Plantagen und eine Zuckerfabrik). Nachforschungen von Verwandten in Hameln, Pötzen, Höfingen und Fischbeck konnten wegen des Ersten Weltkrieges und der unruhigen Jahre danach nicht durchgeführt werden.

Diese kurze geschichtliche Darstellung läßt einen Zusammenhang zwischen zwei Auswanderern aus Höfingen nach Texas in Amerika und der Bezeichnung des zur gleichen Zeit entstandenen Ortsteils mit dem Namen Texas erkennen; denn zeitlich gleiche Umstände und Ursachen liegen vor, die durch Angehörige der gleichen Familien ausgelöst wurden.

Es ist nicht bekannt, wer der Urheber war, welcher den vier Siedlerstellen den Namen Texas gab und welche Ursache dazu führte. Es könnte sich zugetragen haben, daß man die Familien Sempf und Mengerßen in der Siedlung zur Unterscheidung von den Familien im Dorf "Texas-Sempf" und "Texas-Mengerßen" nannte, weil ihr Gesprächsthema höchstwahrscheinlich häufig von Texas handelte, schließlich hat man sämtliche Siedlerstellen mit der Vorsilbe Texas bezeichnet.

Oder wollte man den beiden Auswanderern mit dem Namen Texas ein "Denkmal" setzen ?

Möglich ist auch, daß jemand von den Siedlern geplant hatte, nach Texas in Amerika auszuwandern, und nannte nun stattdessen die Siedlung bei Höfingen Texas.

So oder ähnlich könnte die Siedlung ihren Namen erhalten haben. In Niedersachsen führen noch zwei Ortsteile den Namen Texas. Bei Texas in Wettmar (Burgwedel) bestehen noch Verbindungen mit Amerika.

Zum Schluß soll noch auf eine kleine Neusiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg hingewiesen werden. Es ist die Siedlung an der Nährenbachstraße, am Ausgang des Dorfes nach Fischbeck, mit drei Hausstellen. Unter Hinweis auf den schon bestehenden Ortsteil Texas gab der Gründer der Hausstelle, jetzt Nährenbachstraße Nr. 45, dieser kleinsten Siedlung den Namen Mexiko, und so wird sie noch heute genannt.

Es soll allerdings betont werden, daß der Name Mexiko nicht mit einer personellen, politischen oder geschichtlichen Beziehung unseres Dorfes zur Republik Mexiko in Mittelamerika begründet werden kann.