Eine Bauernhochzeit in Höfingen

von Konrad Diekmann

aus dem Buch 'Dies und das - für jeden was!


Bauernhochzeit in Höfingen von Hubert und Lina Bartling, geb. Schulte im Jahre 1929. Hubert Bartling, Bauer (Nr. 1) aus Barksen stammend, heiratete auf den Hof Nr. 4 in Höfingen. Die Hochzeit fand im Zelt statt. Auch ich war dabei. 2. Reihe von oben. 3. von rechts: Konrad Diekmann   Foto: R. Blum, Hameln

Um 1900 fanden die Feierlichkeiten auf der großen 'Bauerndiele' statt. Später ging man mehr und mehr dazu über ein großes Tanzzelt aufzustellen. Es war üblich, dass bei diesen Feierlichkeiten das ganze Dorf eingeladen wurde. Die Feier dauerte mindestens zwei Tage und begann mit der standesamtlichen Trauung und dem Polterabend. Am nächsten Tag fand die kirchliche Trauung mit der anschließenden Hochzeitsfeier statt. Ursprünglich wurde der Polterabend immer am Vorabend der Hochzeit gefeiert. Nach dem ersten Weltkrieg wurde es aber Brauch, ihn zwei Tage vor der Hochzeit zu feiern um am Hochzeitstage wieder klar und frisch zu sein. Gleichzeitig konnte man die umfangreichen und manchmal anstrengenden Vorbereitungen in Ruhe erledigen.

Vor dem Polterabend fuhr das Brautpaar mit zwei Trauzeugen in einer Kutsche, die vom Großknecht zweispännig geführt wurde, gegen sieben Uhr abends zum Standesamt. Zwei Wochen vor diesem Termin wurde das Aufgebot der beabsichtigten Eheschließung beim Bürgermeister des Dorfes in einem eigens dafür bestimmten Kasten amtlich für die Öffentlichkeit bekannt gemacht. Ein bunter Kranz, der von den Jungfrauen des Dorfes angefertigt wurde, schmückte den Kasten und lenkte die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf das angekündigte Ereignis. Im Volksmund hieß es: 'Man hängt sie 14 Tage auf, doch sterben sie nicht daran, dann lässt man frei sie laufen, sie als Frau und ihn als Mann.'

Der Pastor hatte an zwei Sonntagen im Gottesdienst das Aufgebot des Braupaares von der Kanzel verlesen. So wurde die Dorfbevölkerung in doppelter Weise unterrichtet um mögliche Einwendungen gegen die Eheschließung jetzt vorzubringen oder für immer zu schweigen. Der Standesbeamte nahm die feierliche Amtshandlung in Gegenwart der beiden Trauzeugen vor und erklärte am Schluss seiner Ausführungen den Ehebund für geschlossen. Ein kleiner Umtrunk belebte die Stimmung und dann rollte das Brautpaar als junges Ehepaar heimwärts zum festlich geschmückten Zelt. Dort warteten schon dicht gedrängt die Verwandten, Tagelöhner, Nachbarn, Freunde, Bekannte und die Dorfjugend.

Der Bräutigam richtete einige Worte des Dankes an die Gäste und lud zur Polterabendfeier in froher Runde ein. Es konnte nach Herzenslust gegessen und getrunken werden. Fast jedes Haus im Dorf war mindestens mit einer Person vertreten. So war der Polterabend so recht ein Dorfgemeinschaftsfest. Draußen vor der Haustür zerschepperten unüberhörbar Porzellanteller und Tassen, Töpfe und Tongefäße. Kinder und Jugendliche hatten in den letzten Wochen einiges an alten Geschirr gesammelt um es jetzt nach altem Brauch mit viel Lärm zu zertrümmern. Das soll böse Geister vertreiben und Unheil vom Brautpaar abwenden. Nach diesem Brauch hat auch der Abend seinen Namen erhalten.

Das Verb 'poltern', ursprünglich 'boldern', lässt sich zurück verfolgen bis ins 15. Jahrhundert. Es gibt noch einen weiteren Grund, es noch einmal richtig krachen zu lassen. Schließlich feiern die jungen Männer den Abschied vom Junggesellenleben. Seit dem 16. Jahrhundert wurde der Abend vor der Hochzeit als Polterabend in dieser Bedeutung gefeiert. Den Kindern und Jugendlichen wurden Kuchen, Süßigkeiten und Brausegetränke zum Dank für ihr Poltern gereicht. Im Zelt spielte eine Musikkapelle zum Tanz auf. Es wurde gesungen, getanzt und getrunken und manches 'Hoch und Prosit der Gemütlichkeit' schallte durch die Stille der Nacht bis in den frühen Morgen. Zur eigentlichen Hochzeit wurde schriftlich eingeladen. Die Einladungen gingen nach altem Brauch in die Verwandtschaft bis zum dritten Grade, dann folgten befreundete Familien, Nachbarn, gute Bekannte und die jungen Damen und Herren, die als Brautjungfern und Brautführer die Brautleute zum Altar geleiten sollten. Es war oft nicht einfach, die jungen Paare nach Zahl, Alter und persönlichen Rücksichtnahmen zusammenzustellen. Meist gingen auch Besprechungen mit der Jugend des Dorfes voraus. Sehr oft wurden aus solchen Verbindungen Paare fürs Leben. Ein junger Mann aus der Verwandtschaft rief am Hochzeitstage vor der Abfahrt zur Kirche die jungen Paare auf und der Zug bewegte sich zu den bereitstehenden ca. 20 Kutschen, die von den Bauern des Dorfes und aus der Verwandtschaft gestellt wurden. Pferde und Kutschen waren auf höchsten Glanz gebracht und die jungen Mädchen in ihren schmucken Kleidern und schönen Frisuren strahlten die Burschen in den dunklen Anzügen an.

Alle gaben der Würde des Tages einen festlichen Ausdruck. Nun erschien das Brautpaar, alle Augen wandten sich ihm zu, ein wunderschöner Anblick, die Braut in ihrem strahlendweißen Hochzeitskleid, mit Myrtenkranz und langem Schleier, der von zwei kleinen Brautjungfern gehalten wurde, dazu der leuchtende Blumenstrauß, der Bräutigam im Gehrock und hohem Zylinder. Feierlich schritt das Paar daher und bestieg die blumenbekränzte Hochzeitskutsche, die sich als letzte den anderen Kutschen zur Kirche anschloss. Vor der Kirche bildeten die jungen Paare Spalier, unter Glockenklang und Orgelspiel schritt das Paar nun voran, während zwei kleine Kinder ihm Blumen aus ihren Körbchen auf dem Weg zum Altar streuten.

Der Pastor begrüßte das Paar und hielt eine feierliche Ansprache über die Bedeutung des christlichen Ehestandes. Nach dem Treuegelöbnis des Brautpaares und dem Ringwechsel kniete das Paar und erhielt den kirchlichen Segen. Die Orgel setzte mit feierlichen Akkorden ein und der festliche Zug bewegte sich unter Führung des Brautpaares dem Ausgang zu. Vor der Kirche wartete schon ungeduldig eine große Schar von Jugendlichen, Kindern und Müttern, die sich das festliche Ereignis nicht entgehen lassen wollten. In ernster, feierlicher Stimmung schritten die Paare zu den Kutschen und im munteren Trab setzte sich der Zug in Bewegung. Die Brautkutsche hatte wohl schon der Dorfausgang erreicht, als der letzte Wagen den Kirchplatz verließ. Bald näherte man sich dem Dorfeingang, da sperrten Schulkinder mit geschmückten 'Fitzebohnenstangen' oder mit Seilen die Straße. Das Lösegeld bestand aus Münzen. Nach Überwindung aller Sperren erreichte der Hochzeitszug endlich das Hochzeitszelt. Die Musikkappelle spielte den Choral 'Jesus, geh voran auf der Lebensbahn'. Das ging zu Herzen und manches Auge wurde von Tränen feucht. Nach Übermittlung der Hochzeitswünsche nahmen die Gäste ihre durch Tischkarten gekennzeichneten Plätze an der Hochzeitstafel ein. Die beiderseitigen Eltern saßen zur Rechten und zu Linken des Brautpaares.

Das Hochzeitsmahl wurde durch eine bekannte, oftmals aus dem Dorf stammende Kochfrau zubereitet, die sich darauf verstand, den Geschmack der Hochzeitsgäste zu treffen. Art und Folge der Gerichte waren nach altem Brauch geregelt. Als Hilfe standen der Kochfrau die Tagelöhnerfrauen und die Mägde zu Seite. Zu einer Bauernhochzeit wurden in der Regel zwei Schweine, ein Kalb und eine entsprechenden Anzahl von Hühnern geschlachtet. Die Zahl der Hochzeitsgäste lag um die 150. Das Hochzeitsessen dauerte länger als eine gewöhnliche Mahlzeit, denn man legte zwischen der einzelnen Gängen eine kleine Pause ein. Ansprachen, Deklamationen, Musik und humorvolle Reden brachten Abwechslung und Belebung in die festliche Gesellschaft.

Nach dem reichhaltigen Hochzeitsmahl suchten viele Gäste grüppchenweise oder zu Zweit Erholung in Hof und Garten oder in den umliegenden Wiesen und Ackerfluren des Hofes und auf der Dorfstrasse. Dann kehrte man zurück ins Zelt und erfreute sich bei Spiel und Tanz, Scherz und Humor, an der Theke, bei Polonaisen und „bunten Tänzen“ nach alter Tradition, dass die Zeltdielen in Schwingung kamen und Jubel, Jauchzer und Freudenklänge vom Hof nur so zur Dorfstraße hinüberschallten. Unterbrochen wurde das fröhliche Treiben durch die späte Kaffeetafel und die Abendmahlzeit gegen 22 Uhr. Noch spielte der jungfräuliche Kranz in den lieblichen Locken der Braut, noch hüllte der Schleier das zarte Gesicht der jungen Braut. Doch gegen Mitternacht endet der jugendliche Traum! Der Kreis schließt sich beim Tanz um das junge Paar. Zwei Stühle werden für die Braut und den Bräutigam bereitgestellt. Eine nahe Verwandte tritt vor und wendet sich mit einem Sinnspruch an das junge Paar und nimmt der Braut Kranz und Schleier.

'Horch! Horch! Vom Turme schlägt die Glocke zwölf.
In dumpfen Tönen klingt es durch die Hallen,
Ein neuer Tag tritt sacht´ zu uns herein,
Jetzt müssen Myrt´und Schleier fallen ...'

Ein Teil des Schleiers wurde schon vorher abgetrennt und blieb dem Brautpaar als Erinnerung an diesen festlichen Hochzeitstag. Der Rest des Schleiers wurde über die Gäste geworfen und alle griffen hastig zu. Jeder, der ein kleines Stückchen Schleier als Andenken der Menge entreißen konnte, freute sich riesig. Anstelle des Kranzes bekam die junge Frau eine Haube aufgesetzt und dem Ehemann wurde eine Zipfelmütze übergestülpt – was auf die nunmehrige Häuslichkeit hinweisen sollte. Die Musik spielte den Ehrentanz für das vermählte Paar:

Wir winden dir den Jungfernkranz
aus veilchenblauer Seide.
Wir führen dich zu Spiel und Tanz
zu Glück und Liebesfreude.
Schöner grüner, schöner grüner, Jungfernkranz, juchee...

Damit war nach alten Brauch symbolisch angezeigt, dass mit des Lebens schönster Feier nun eine neue Lebensstufe für das junge Paar anbrach. Dann leitete die Musik zu einem Walzer über und das junge Paar forderte die Gäste so lange auf, bis sich alle Paare gemeinsam im Tanze drehen. Bis in den frühen Morgen wurde bei ausgelassener Stimmung gefeiert.

Vielen Dank für die Texteingabe an Gertrud Schaper!