Veli und Ibrahim gehören von Anfang an dazu

Höfingen (ah). Integration ist laut Definition ein dynamischer und sehr differenzierter Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens. Familien mit Migrationshintergrund zu erreichen, gelingt im Vereinsleben vor allem über den Fußball. Bestrebungen, deren Nachwuchs einzubeziehen und zu fördern, zeigt auch die Freiwillige Feuerwehr. Gerade wurde eine Integrations-Kampagne der Niedersächsischen Jugendfeuerwehr verlängert. „Bei uns wirst du gebraucht“, steht auf dem dreisprachigen Werbeflyer – und: „Ziel ist es, in einer Gemeinschaft Spaß zu haben, aber auch etwas zu lernen.“ Dass das richtig gut laufen kann, zeigt sich bei der Jugendfeuerwehr in Höfingen, die 2009 nach einem ersten Anlauf von 1967 bis 1969 wiedergegründet wurde.

Gründungsmitglieder sind Veli und Ibrahim, beide 14 Jahre alt. Sie erzählen: „Hier im Dorf ist nicht so viel los, wir können uns nur so zum Bolzen treffen oder bei Fußballspielen der Großen zuschauen.“ Der örtliche Spielplatz ist in marodem Zustand. Altersgerechtes Programm für die rund 40 Sechs- bis 16-Jährigen bietet in Höfingen einzig die Ortswehr. „Hier üben wir für Wettkämpfe, beispielsweise Schläuche auf- und einrollen“, berichtet Ibrahim. Außerdem nimmt die Gruppe am Umwelttag, am Zeltlager oder an Einsatzübungen teil, bei denen sie lernen, Verletzte zu bergen.

Die Feuerwehr benötigt gut ausgebildete Einsatzkräfte. Dafür ist sie auf nachhaltige Nachwuchsarbeit angewiesen, denn die Mehrzahl der Aktiven rekrutiert sich aus Mitgliedern der Jugendwehren. Als 2006 die schlechte Altersstatistik die Höfinger aufschreckte, wurde mangels Jugendlicher zukunftsweisend beschlossen, die erste Kinderfeuerwehr des Stadtgebiets ins Leben zu rufen. An alle Haushalte mit Kindern wurden Zettel verteilt, ein Informationsnachmittag klärte die Eltern über das Vorhaben auf. Schon beim ersten Treffen waren Veli und Ibrahim dabei. Elf 11- bis 13-Jährige aus jener Mini-Feuerwehr unterschrieben Ende 2009 die Gründungsurkunde der 16. Jugendfeuerwehr im Stadtgebiet. Aktuell machen zwei Mädchen und 13 Jungen aus Höfingen, Weibeck und Fischbeck, darunter ein Mädchen und vier Jungen türkischer Abstammung, unter Leitung der Jugendwarte Lutz Eikermann und Lars Witkowski mit. „Sie sind diejenigen, die in Zukunft vor Ort für Sicherheit sorgen können“, betont Ortsbrandmeister Oliver Bock.

Auf Kreisebene nimmt die Jugendwehr in Sachen Integration eine Ausnahmestellung ein. Ende 2010 hatten von 973 gemeldeten Mitgliedern in 75 Jugendwehren 16 einen Migrationshintergrund, lässt Kreisjugendfeuerwehrwart Carsten Pook wissen, der die Höfinger Quote von 33 Prozent „doch eher selten“ nennt. „Sie zeigt, dass das Zugehen der Wehr auf die vielen ausländischen Mitbürger in diesem Ortsteil gelingt“, meint Stadtbrandmeister Jürgen Hilpert, für den Integration ein wichtiges Thema ist. Er berichtet, im gesamten Stadtgebiet gebe es in den Reihen der Feuerwehr auch Polen, Russlanddeutsche und Engländer, manche davon kommen aus der Werksfeuerwehr von Domo Besmer. „Sie machen bei uns ihre Grundausbildung, und das klappt immer bestens“, so Hilpert.

„Wir wollten Kindern und Jugendlichen eine Freizeitalternative anbieten, aber natürlich auch den Nachwuchs in der Wehr fördern“, erinnert Oliver Bock an die Anfänge und fügt hinzu: „Die Mitglieder mit Migrationshintergrund gehören ganz selbstverständlich zur Gruppe dazu, ein gewisser Aufwand ist damit jedoch schon verbunden.“ Bei Festen werden zwei verschiedene Grills aufgebaut, auf einem wird Hähnchenfleisch gebraten. „Wir richten uns auf die kulturellen Unterschiede ein und freuen uns, dass mittlerweile auch türkische Eltern zu Grillabenden kommen“, so der Ortsbrandmeister.

Insgesamt stellt er ein wachsendes Vertrauen der Familien mit Migrationshintergrund in die Wehr fest. Für sich selbst sieht er als „Riesenerfolgserlebnis und großen Vertrauensbeweis“, dass auch das einzige türkische Mädchen am Zeltlager der Jugendwehr teilnehmen durfte. „Die Generation, die seit 20, 30 Jahren hier lebt, die gilt es zu erreichen, die Zusammenarbeit mit der nachfolgenden Generation ist kein Problem“, erklärt Bock.

Sein Sohn Jonas, 15, selbst Mitglied in der Jugendwehr, meint: „Es ist gut so, wie es ist.“ Für Veli ist heute schon klar: „Wenn es geht, will ich Aktiver werden, meine Eltern finden das auch sehr gut.“
Dewezet 15.12.2011